Donnerstag, 18. Dezember 2014

Schutzgeist

Platon beobachtet bei seinem Lehrer Sokrates, dass das Reaktivieren dieses Sinns ein Vertiefen des Wahrnehmens derart ermöglicht, dass metaphysische Ereignisse hervorscheinen. So erfährt Sokrates das Idein so, als ob ihn ein Schutzgeist begleitet. Aber dieser Schutzgeist begleitet ihn nicht nur, sondern berät ihn auch in heiklen Situationen.
In der Tat wird in der Geschichte der Philosophie das Phänomen der inneren Stimme zum ersten Mal von Sokrates beschrieben. Sokrates nennt sie ‘daimonion’. Das bedeutet Wesen und Wirkung des Göttlichen.
Nach Sokrates Auffassung wird jedem Menschen von Geburt an ein göttlicher Schutzgeist mit auf den Weg gegeben, der ihn vor Unheil bewahrt. Das erinnert an Schutzengel, deren Fest jedes Jahr am 2. Oktober gefeiert wird. Dieses christliche Fest erinnert an das Wirken der Schutzengel, welche die Menschen wie die „Dämonen“ des Sokrates in ihrem Leben begleiten und vor Schaden bewahren.
Erst wenn der Mensch diesen Schutzgeist vernachlässigt und damit den Unwillen der Götter erregt, wird das Dämonische in ihm zur Verblendung und Besessenheit.
Das sokratische Daimonion hat eine Stimme und stellt sich schützend vor die ihm Anvertrauten. Für Sokrates ist das ein klar erkennbares Faktum. Es ist so selbst-verständlich anwesend, dass dies nicht erst diskutiert zu werden braucht. Das Daimonion berät zwar, aber es trägt nicht zum Erkennen bei. Das Daimonion ist streng getrennt vom Verstand, es sagt das, was der Verstand nicht erkennen kann. Es ist nicht das sittliche Gewissen. Was Sokrates zu tun hat und was nicht, sagt ihm sein Verstand. Das Daimonion bedeutet die Stimme, die ihn warnt, sobald er gegen seine Intuition handelt.
Innere Wahrnehmungen, die sich übersinnlich gestalten und wirkliches Anwesen von hilfreichen Wesen spüren und empfinden lassen, gelten nicht als Fantasmata (eine Art Wahnvorstellungen), sondern als wirklich existierend.
Der griechische Schriftsteller Plutarch (45-120) hat das sokratische Daimonion ausführlich erörtert. Hinweise auf die Existenz eines Daimonion finden sich auch in den Schriften der römischen Autoren Seneca (4-55 n. Chr.) und Marc Aurel (121-180 n. Chr.). Augustinus deutet das Daimonion als Gewissen und legt die innere Stimme als Stimme Gottes aus. Thomas von Aquin deutet es sogar als Erkenntnisorgan der praktischen Vernunft.
Die innere Stimme gilt je nach Ansicht den einen als Stimme der Seele, anderen als Sprache der Vernunft und wieder anderen als Ausdruck des Gewissens oder als Zuspruch des Geistes oder auch Stimme des Herzens. Mahatma Gandhi nennt die leise innere Stimme den einzigen Tyrann, den er in dieser Welt anerkennt.“ (Ausgewählte Texte, Richard Attenborough (Hrsg.))
Du hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst.“
(Ausgewählte Texte, Richard Attenborough (Hrsg.)
Und Friedrich Nietzsche sagt zur inneren Stimme:
Es geht geisterhaft zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und stille sind, daß uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit.”
Friedrich Nietzsche, Werke I - Unzeitgemäße Betrachtungen)
In dem Augenblick aber, wo uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme, die uns retten kann; man hat an alle Pforten geklopft, die auf gar nichts führen, vor der einzigen aber, durch die man eintreten kann, und die man vergeblich hundert Jahre lang hätte suchen können, steht man, ohne es zu wissen, und sie tut sich auf."
(Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3 )
Woher die recht unterschiedlichen Namen für die innere Stimme?
Das liegt daran, dass sich dieses Phänomen dem Wissen entzieht und allein dem Glauben offenbart. Der Glaube verfügt aber über keine eindeutigen Namen bzw. Begriffe, sondern allein über vielfältige und vieldeutige Hinweise, Zeichen oder Bezeichnungen.
Offenbarungen des Glaubens lassen ganz persönliche Deutungen zu wie beispielsweise auch das Wort Gott. Deshalb glaubt Sokrates seiner inneren Stimme, als einer göttlichen Eingebung und nennt sie deshalb auch seinen “daimonion”, also seinen persönlichen Schutzgeist, der Teil des Ichs ist.
Diese innere Stimme warnt ihn in entscheidenden Augenblicken und hielt ihn von der Ausführung einer gefährlichen Absicht ab. Sokrates versteht das Daimonion, wie bereits gesagt, als eine Gegeninstanz zum Logos, die das erkennt, was der Vernunft verborgen bleibt, und vom Falschen abrät, jedoch zu nichts rät.
Seinen Daimonion schätzt Sokrates so hoch ein, dass er ihm auch gegen seine rationale Einsicht gehorcht. Da er es auch über die Götter stellt, wurde ihm sogar vorgeworfen, es als einen neuen Gott einführen zu wollen.”
Die innere Stimme offenbart der Fantasie, der Vernunft und dem Verstand, dass sie selbst letztlich nichts Anderes ist als ein sprechendes inneres Bild ihrer ureigenen daimonia.
Aus der inneren Stimme spricht nicht nur das Selbst des Ichs, sondern zugleich auch der Logos der Natur. Und was die innere Stimme nicht auszudrücken vermag, zeigt sie dem Dritten Auge in den inneren Bildern der Vorstellungskraft.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Mystik


Mystik geht zurück auf das altgriechische μυστικός (mystikós) geheimnisvoll und nennt jene Methode des Entbergens, durch welche sich Göttliches offenbart. Mystik findet ihre Entsprechung im Mythos, der das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter verknüpft. Im Zeitalter des Mythos werden natürliche Erscheinungen noch in Bildern und nicht etwa schon durch Begriffe dargestellt. So gelten Naturkatastrophen wie Trockenheiten oder Überschwemmungen als Folgen der den Menschen zürnenden Gaia, Göttin der Erde (Γαῖα oder Γῆ). Pythia, eine Priesterin des Orakels von Delphi schaut wie viele Jahrhunderte später Hildegard von Bingen Wahrheit offenbarende Bilder unter Ekstase.
Platon's Auffassung nach bedarf es solch hohen Kräfteaufwands nicht, denn vernunft-begabte Lebewesen verfügen von Natur aus über einen eigenen Wahrnehmungssinn, der Offenbarungen der Wahrheit zu vernehmen vermag.
Das Reaktivieren dieses Sinns ermöglicht ein Vertiefen des Wahrnehmens derart, dass metaphysische Ereignisse hervorscheinen. Als Philosophie nutzt Metaphysik diese Möglichkeit, indem Denken das Sein des Seienden denkt. Metaphysisches Denken zeigt eine Annäherung an das Wahrnehmen qua idein durch fortschreitendes Abstrahieren.
Demzufolge lassen sich durch vorsichtiges Abstrahieren Philosophieren und kontempla­tives Meditieren einander annähern.


Dienstag, 16. Dezember 2014

Schauen => Denken


Das, was uns wesentlich antreibt, entzieht sich dem Bewusstwerden und verbirgt sich vor dem Bewusstsein. Wesentliches bleibt für das Denken unerreichbar, selbst dann, wenn es das Wesen von etwas denkt.
Der Philosoph Platon aber erfährt intuitives Empfinden des Wesentlichen als Einbilden und erlebt dies als besondere Art und Weise inneren Sehens. Er nennt dieses besondere Empfinden ἰδεῖν (idein).
Iδεῖν bedeutet (auf)spüren, was einer Erscheinung wesentlich zugrunde liegt.
Hoch wahrscheinlich hat Platon diese Art und Weise inneren Wahr-nehmens bei seinem Lehrer Sokrates entdeckt. Iδεῖν geschieht nicht nur vor allem Denken, sondern begleitet dieses auch ständig als κρίνειν (krinein) (scheiden, unter-scheiden, trennen, aussondern, auswählen, entscheiden, urteilen, richten).
„Iδεῖν“ lässt sich vom Höhlengleichnis Platons her auch bestimmen als „schauen“. „Schauen“ darf nicht mit Denken gleich gesetzt werden. Platon könnte das Verhältnis zwischen Schauen und Denken in etwa so ausdrücken:
Erst schaut die Seele, dann denkt die Vernunft.
Die Entdeckung des Iδεῖν durch Sokrates und Platon ist in Vergessenheit geraten bzw. durch das Denken zurückgedrängt worden. Iδεῖν tritt im Verlauf Abendländischer Geschichte im Mittelarbeiter zwar noch einmal als Mystik hervor, aber das Schauen der Mystiker wird philosophisch nicht genutzt, sondern religiös vereinnahmt.




Montag, 15. Dezember 2014

Ruf >> Berufung


Bedürfnisse können sich durch die innere Stimme mitteilen. Wir lauschen dann Worten des Unbewussten, oder grübeln über Ideen, die es hervorscheinen lässt. Der Name für dieses Ereignis ist Berufung. Oft hindern Trägheit oder mangelnde Ausdauer daran, dem inneren Ruf zu folgen. Innere Zusprüche verhallen dann ungehört und entschwinden meist unwiederbringlich ins Nichts.
Die innere Stimme wird gewöhnlich durch das Gewissen, seltener durch den Verstand geweckt. Im Alltag meldet sie sich zu Wort, wenn unser Verhalten gegen eine Norm, eine Regel oder gar gegen ein Gesetz zu verstoßen droht. Durch den Verstand wird sie gewöhnlich durch eine Frage geweckt. Sie berät schöpferische Menschen, was sie schaffen können und diktiert Schriftstellern den Text, Komponisten, was sie komponieren oder Malern Motive, die sie ins Werk setzen sollen.

Künstlerisch, aber auch wissenschaftlich schaffende Menschen sind zumeist auf die innere Stimme angewiesen.

Als innerer Dialog spiegelt die innere Stimme Reflexionen des Empfindens durch Gefühle. Äußere Reize oder innere Impulse finden dabei ihren sprachlichen Ausdruck oder gestalten sich als Antizipationen oder auch Visionen.
Oft sind es spießbürgerliche Verklemmungen, Ängstlichkeiten oder ganz einfach Bequemlichkeiten, die der Wahl eines ganz persönlichen Weges entgegen stehen.

Aber einem inneren Ruf nicht zu folgen, das bedeutet oft, die eigene tragische Komödie zu inszenieren, denn Ausreden und Ausflüchte gestalten dann eine Biografie seelischer Trägheit und Mutlosigkeit.

Da die Seele lebenslang ihre gefühlte Aufgabe nicht aufgibt, werden Gründe fälschlicherweise in Erziehung, Schule und Ausbildung gesucht, um fadenscheinig zu erklären, warum man diese Herausforderung beim besten Willen nicht annehmen konnte.

So entgeht man mit selbstlügnerischem Jammern inneren Forderungen und tapst von einer Falle in die nächste.

Es ist aber nie zu früh und selten zu spät, der Mitwirkung bei einer selbstinszenierten Tragödie eine Absage zu erteilen, um sich endlich mit den noch verbliebenen Möglichkeiten auf den Weg zu machen.
Nicht selten korrigiert eine schwere Krankheit mutlos vage Orientierung radikal, und schenkt ungeahnte Kraft, noch verbliebene Zeit optimal zu nutzen.


Sonntag, 14. Dezember 2014

Wort vs. Bild

Intuition wird im Gehirn durch das limbische System ermöglicht. Eine Intuition wird durch Gefühl und Fantasie bewusst. Es sind gefühlte Bilder, die bewusst werden.

Es ist ein herbes Missverständnis von Religionen, Gott durch sprachliche Eingebungen des Geistes offenbaren zu wollen. Gott spricht nicht so wie die Religionen es meinen. Gott spricht allein in gefühlten Bildern.

Wer solche Bilder erfährt und sie versachlicht, verstösst radikal gegen das göttliche Wesen. Propheten sprechen von ihren Träumen, aber niemals von Gott. Gott wirkt durch die Tat, aber nicht durch das Wort. So erweist sich auch die Bibel als wohl gemeinte Sammlung individueller Vorstellungen.

Samstag, 13. Dezember 2014

Glauben Sie an Gott?

Diese durchaus immer noch gängige Frage erkundigt sich danach, wie sich jemand in seinem Leben aus- und einrichtet.

Da die meisten von uns religiös, also zum Glauben an Gott erzogen worden sind und entsprechende Vorstellungen übernommen haben, werden sie die Frage nach Gott in der Regel widerwillig beantworten. Sie zögern zwangsläufig, weil sie natürlicherweise zweifeln. Ihr Zweifeln ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen religiöser und wissenschaftlicher Erziehung.

Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen, solange Richtigkeit aufgrund wissenschaftlicher Beweise und Wahrheit aufgrund intuitiver Eingebungen gegeneinander ausgespielt werden.

Erfahrung (Empirie) und Gefühl (Intuition) sind wesentlich unterschiedene Arten und Weisen des Wahrnehmens. Sinnliches und seelisches bzw. inneres Wahrnehmen konstituieren wesentlich verschiedene Welten. Die Welt des Glaubens lässt sich nicht durch die Welt des Wissens verstehen.

Empirie und Intuition sind zwei voneinander getrennte Wahrnehmungssinne des Menschen. So ist es ein Ding der Unmöglichkeit, Gottes Existenz empirisch erfassen zu wollen.
Gottes Existenz verschliesst sich Erfahrungen, sondern offenbart sich allein Intuitionen.

Freitag, 12. Dezember 2014

Für wahr halten

Wir können allein das erleben, was durch Bewusstwerden zum Vorschein gelangt. Was wir auf diese Weise für uns zurechtgemacht erleben, halten wir für wahr. Die fantasievolle Verfremdung des Wirklichen bemerken wir gewöhnlich nicht. 

So verführen Triebe und/oder Bedürfnisse manche Menschen dazu, Geschichten von Engeln so zu fantasieren, dass sie diese selbst erleben. Ihre Fantasie verschafft ihnen beispielsweise einen Schutzengel als täglichen Begleiter. Intensiviert sich diese Fantasie hinreichend, dann wird dieser Schutz sogar als real empfunden und Erlebnisse werden dementsprechend interpretiert. Inneres Wahrnehmen bzw. Fantasieren verselbständigt sich zu einer Art religiösen Glaubens.